Zwei Seiten des Nähens

Hallo meine Lieben,

in den letzten Tagen ging eine Diskussion durch die Nähnerdblogwelt (siehe unter anderm bei Frau Crafteln, Julia von sewinggalaxy, nochmals Frau CraftelnMichou, …). Nähe ich, was ich gut gebrauchen kann oder worauf ich gerade Lust habe, von Mamamachtsachen auch als Kopf- und Herznähen bezeichnet. Dabei kamen viele interessante Fragen auf. Wie finde ich meinen Stil? Wie beständig ist er? Wie gehe ich mit Kleiderordnungen um? Wieso nähe ich den gleichen Schnitt wiederholt? Welche Kleidung passt in meine Welt? Wie gestalte ich mir diese Welt?

Und weitere Fragen drängen sich mir in den Sinn? Was ist denn Nähen? Was ist für mich Nähen? Und damit: Was ist das Ziel meines Nähens, wenn es denn ein solches gibt?

Für mich bietet Nähen als eine kreativ handwerkliche Tätigkeit einen wunderbaren Ausgleich zu meinem kreativ intellektuellem Beruf. Zu diesem Zweck würden sich auch andere Dinge eignen. Nähen besitzt an dieser Stelle für mich kein Alleinstellungsmerkmal.

Andererseits habe ich in meiner Schulzeit sehr gezielt zu Nähen begonnen. Ich wollte Kleidung haben, die anders war, die mir entsprach, und mit der ich mich dem Marken- und Stildiktat auf elegante Weise entziehen konnte. Von Anfang hatte ich damit ein Ziel; zu Nähen war ein Mittel zum Zweck. Erst auf dem Weg kam die Lust an der Schönheit dazu, der Schönheit perfekt gesteppter Nähte, streichelzarter Stoffe oder eines traumhaften Sitzes der Kleidung. Das Nähen entwickelte einen Zweck an sich. Ich wollte mit jedem Projekt dazulernen und mich dieser Schönheit annähern.

Das sind für mich zwei sehr unterschiedliche Dinge. Zum Einen die Beschaffung von Kleidung, die meinem Stil und meinen Wünschen entspricht. Zum Anderen die Tätigkeit an sich. Nebenbedingungen, wie zum Beispiel Finanzen mal außen vor gelassen, könnte ich meine Kleidung auch herstellen lassen. Wenn es nur darum ginge, genau die Kleidung zu haben, die ich jetzt nähe, könnte ich sie statt sie selbst zu nähen auch nähen lassen. Trotzdem würde mir etwas fehlen, der Prozess. Die Tätigkeit als Hobby wäre verschwunden.

Als ich mich diesem Hobby anfing, habe ich mich mit jedem Projekt gesteigert. Jedes Projekt bot eine neue Herauforderung. Die Details oder Verarbeitungsschritte, die neu hinzukamen, wurden mit der Zeit subtiler oder die Projekte aufwendiger. Ich denke, diese Idee der steten Herausforderung steckt auch hinter den ‚French Jacket‘ (aufwendige Verarbeitung), Bademoden (neues Material), Vintage (Authentizität) oder Unterwäsche (Spezialmaterialien)-Strömungen.

Diese Lust der steten Verbesserung seiner Fähigkeiten sehe ich in vielen Hobbies, sei es Briefmarken Sammeln, Golf Spielen oder Tauben Züchten. Indem man sich immer wieder neue Ziele setzt, vermeidet man die Langeweile. Indem man sich selbst die Ziele setzt, kann man Leistungsdruck entgehen. Das Nähen besitzt neben der Hobby-Eigenschaft noch den produktiven Nebeneffekt tragbarer Kleidung. Das Zusammenspiel dieser beiden Aspekte, des Prozesses wie auch des Resultats, ihre mit jedem Projekt neu justierte Beziehung, führt manchmal zu Phasen, manchmal zu Einzelstücken, manchmal zu ganz neuen Nähthemen. Das dritte graue Shirt ist vielleicht langweilig, das elfte Cocktailkleid vielleicht ungenutzt und Pariser Designermode bildet vielleicht nicht die ganze Persönlichkeit ab.

Bis bald wieder.

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2 Gedanken zu “Zwei Seiten des Nähens

  1. Sehr interessant sind Deine Gedanken, da kann ich in vielen Punkten zustimmen. Nähen ist ein schönes Hobby, andere Menschen haben andere schöne Hobbys und manche leider gar keine (wie schade). Bin gespannt auf Deine nächsten Nähprojekte. Bei mir steht dieses Jahr noch der Blazer als Ziel an, ich hoffe es klappt. LG Kuestensocke

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